Bindung und Loslösung
Eine sichere Bindung stellt die optimale Voraussetzung für den Prozess der Loslösung dar. Loslösung bedeutet nicht Bruch bzw. Trennung, sondern den Schritt hinaus in das soziale Leben durch die Erweiterung des Beziehungsnetzes. Die Loslösung vollzieht sich über Etappen vom zweiten Lebensjahr bis zum Ende der Pubertät und wird im Idealfall zeitlich vom Autonomiestreben des Kindes gesteuert. Die Eltern bleiben idealer Weise als Ort des Rückzugs und Schutzes ein Leben lang verfügbar, auch wenn das Kind selbst längst erwachsen geworden ist.
Im besten Fall kann der Vater die unmittelbar nächste Bezugsperson sein, zu der sich das Kind hinwendet, wenn es aus der Mutter-Kind-Beziehung hinaustritt. In Folge entdeckt das Kind seine weitere Familie, den Bekanntenkreis usw. Im ungünstigsten Fall wird das Kind verfrüht in Fremdbetreuung gegeben, in der sehr wenige Erwachsene für viele Kleinstkinder zuständig sind.
Während des primären (ersten) Loslösungsprozesses nehmen die Eigenständigkeit und Selbstbestimmung ständig zu. Dieser erste Loslösungsprozess beginnt, wenn das Kind etwa ein Jahr alt ist und dauert an, bis es etwa vier Jahre alt ist. Die Eltern spüren diesen großen Loslösungsschritt deutlich. Das Kind interessiert sich für seine Umwelt und andere Menschen und kann schließlich ohne Trennungsangst bei vertrauten Personen bleiben. Es beginnt, alles selber machen zu wollen. Das Kind gebraucht ständig die Wörter „nein“, "meins" und "selber machen" und wird ganz wütend und verzweifelt, wenn seine ersten eigenen Pläne durchkreuzt werden.
Für die Kleinkinder ist dies eine aufregende und auch sehr schwierige Zeit, denn sie wollen schon viel aber können noch nicht alle Zusammenhänge verstehen. Die Eltern werden dabei sehr herausgefordert und ihre Geduld manchmal über alle Maßen strapaziert. Das Kind braucht viel Unterstützung und Verständnis und die Eltern einen langen Atem und „Kraftquellen“.
Dieses Alter wurde früher als „Trotzalter“ bezeichnet, da die Erwachsenen ständig mit dem Widerstand des Kindes konfrontiert waren und das als Störung empfunden wurde. Heute weiß man, wie sensibel und bedeutend diese Zeit für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung ist. Man spricht nun vom Alter des „Selbermachen-Wollens“ und der Entwicklung des eigenen Willens. Mit einer sicheren Bindung gelingt es dem Kind leichter, sich von den Eltern zu lösen und die Schritte in die Autonomie zu setzen. Sie können sich des Rückhaltes der Eltern sicher sein und kooperieren mehr.
