Einleitung

Bindung

Bindung gehört zum Menschen

Bindungs-Explorations-Balance

Erste Bindung an die Mutter

Schwangerschaft und Geburt

Bindungsqualitäten

Entstehung der sicheren Bindung

Bindung und Sprache

Vorteile der "sicheren Bindung"

Sichere Bindung erhält das Leben

Angst zu Verwöhnen

Bindung und Loslösung

Bedeutung der Vater-Kind-Bindung

Frühe Fremdbetreuung

Übergänge in Betreuungseinrichtungen

Literatur: Bindung

Literatur: Frühe Fremdbetreuung

Literatur: Kinder verstehen und liebevoll großziehen

 

 

 

Frühe Fremdbetreuung

„Es bleibt immer etwas von der Kindheit, immer…“ Marguerite Duras

Unter dem Begriff „frühe Fremdbetreuung“ versteht man eine Betreuung des Kindes in seinen ersten drei Lebensjahren durch „fremde“ Personen, die nicht aus seinem vertrauten Familienkreis stammen. Dazu gehören die Betreuungsformen in Krippe, Kita, Familiengruppen in Kindergärten, bzw. durch eine Tagesmutter, als Kinderfrau, Au Pair Mädchen, Babysitter, oder historisch die Amme. Wie diese Personen die wichtige soziale Funktion der Eltern ersetzen können, verlangt eine sorgfältige Beachtung. Die gegenwertigen Diskussion rund um die frühe Fremdbetreuung dreht  sich hauptsächlich um Versorgungsquoten und lässt die emotionale Entwicklung des Kindes weitgehend außer Acht. Diesen ersten drei Jahren im Leben eines Menschen kommt jedoch in der seelischen Entwicklung eine Sonderstellung zu. Kinder unter drei Jahren haben noch keine bewusste Orientierung ausgebildet hinsichtlich ihrer eigenen Person (Wer bin ich? Was kann ich? Was will und darf ich?), anderer Personen (Wer ist der andere? Wie steht er zu mir? Was kann ich von ihm erwarten?),  des Raumes (Wo bin ich? Was ist das für ein Raum? Wo sind Gefahr und Schutz?) und der Zeit (Wann sind heute, gestern, morgen? Wie lange dauert „gleich“, „eine Stunde“, „ein Tag“?). Säuglinge und Kleinkinder hängen im größten Maße von ihren Bezugspersonen ab. Säuglinge gehen noch symbiotische (verschmelzende) Beziehungen mit ihnen ein, Kleinkinder benötigen sie als verlässlichen und verständnisvollen Partner für ihre Willensausbildung und Loslösungsprozesse. Kleine Kinder haben große Angst vor Trennung. Diese Angst beginnt im ersten Lebensjahr und dauert bis in das Grundschulalter hinein. Diese  Trennungsangst ist zwischen dem 1. und 3. Geburtstag am stärksten ausgeprägt. Säuglinge dürften streng genommen gar nicht von ihrer Bezugsperson längere Zeit getrennt werden. Längere Trennungen führen zu Protest, Verzweiflung und Rückzug/Entfremdung von der Bindungsperson. Schmerzhafte Trennungserlebnisse können von Kindern unter 3 Jahren noch nicht verstanden werden und haben einen bleibenden Einfluss auf ihre Gefühlswelt. Die ersten drei Jahre  sind nachweislich bedeutsam für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung. Der achtsame Umgang mit den Bindungsgefühlen kleiner Kinder hat neben der Sorge um körperliche Unversehrtheit oberste Priorität! Die Versorgung von Babys und Kleinkindern ist deutlich anspruchsvoller, als gemeinhin angenommen. Bis das Kind selbst für sich sprechen kann, müssen wir Erwachsene – Eltern, Betreuungspersonen und Fachpersonen – ihm geschützte und förderliche Lebensbedingungen garantieren. Eine qualitativ hochwertige frühe Fremdbetreuung – und keine andere sollte Kindern unter 3 Jahren zugemutet werden - zeichnet sich durch folgende Kriterien aus:

Hinsichtlich des zeitlichen Ausmaßes der Fremdbetreuung ist Folgendes zu sagen:

2 Aspekte seien noch hervorgehoben:
Nicht jedes Kind unter 3 Jahren verkraftet eine Betreuung außer Haus – auch nicht nach einer sanften Eingewöhnung und sei die Einrichtung auch qualitativ noch so hochwertig. Was für die einen zu einem Entwicklungsanreiz werden kann, kann für andere aus unterschiedlichen Gründen eine anhaltenden Belastung bleiben. Die Eltern sollten sich intensiv mit den Besonderheiten kindlicher Entwicklung in den ersten 3 Lebensjahren auseinander setzen, um das Verhalten ihres Kindes richtig einordnen zu können und bei Bedarf rechtzeitig fachlichen Rat einzuholen.
Für Kinder aus sozial benachteiligten und hochgradig konfliktbehafteten Familien können die Stunden in der Fremdbetreuung die einzigen sein, in denen sie ein „normales Leben“ erfahren. Für solche hoch belasteten Kinder, die nicht selten vielfältige Verhaltensstörungen entwickelt haben, sind feinfühlige und zuverlässige  Betreuungspersonen manchmal die ersten Menschen, zu denen sie eine positive, vertrauensvolle Beziehung aufbauen können.

 

Böhm, R.: Auswirkungen frühkindlicher Gruppenbetreuung auf die Entwicklung und Gesundheit von Kindern. Kinderärztliche Praxis 82 (2011), Nr. 5, S. 316-321.
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